INFO - BOX
VERTRETUNGSPLAN

Tel.: 06851/93220
Fax: 06851/932233 info[ät]wendalinum[.]de

Mint

Jufo

Jugend debattiert

Sportabzeichen2015

Abschlag Schule

TV Bliesen

Lesende Schule

Comenius

Geschichtliches

Inhaltsverzeichnis

  1. Skizze der St. Wendeler Verhältnisse um 1820

  2. Das Lyzeum

  3. Die Realschule

  4. Das Progymnasium

  5. Das Gymnasium

  6. Die Zeit des Saargebietes

  7. Die Schule zur Zeit des Nationalsozialismus

  8. Das Gymnasium seit 1945

  9. Exkursionen

  10. Das Gymnasium Wendalinum von 1974 bis 1999

 

1. Skizze der St.Wendeler Verhältnisse um 1820

Die Stadt, in der das Gymnasium ein bestimmendes Element ist, hat im Laufe ihrer Geschichte mancherlei Schicksale erlitten und zu ihrem kleinen Teil auch mit bestimmt. Sie hatte als Stadt schon eine jahrhundertealte Geschichte hinter sich, als sie in den Befreiungskriegen das Quartier des Feldmarschalls Blücher und nachfolgender Truppenstäbe wurde. Der Durchzug preußischer, bayrischer und russischer Verbände strapazierte die Wirtschaftskraft der Stadt und des Kreises infolge von Requisitionen aller Art aufs äußerste. Als der Krieg entschieden war, war der Wohlstand geknickt, aber es fehlte nicht der Mut zu neuem Leben.

Man hätte glauben sollen, die Stadt würde preußisch, aber der Wiener Kongreß teilte 25.000 Seelen des ehemaligen Saar-Departements dem Herzog Ernst von Sachsen-Coburg für seine Verdienste um die Deutsche Sache zu. Am 11. September 1816 erließ der Landesfürst das "Besitzergreifungspatent". Das Fürstentum aus den Kantonen St. Wendel, Baumholder und Grumbach erhielt den Namen "Fürstentum Lichtenberg" nach der bekannten Burg bei Kusel. St.Wendel wurde Hauptstadt; es zählte ca. 2.400 Seelen.

Diese Funktion brachte coburgische Beamte in die Mauern der Stadt und schließlich auch für ein paar Jahre den kleinen Hof der geschiedenen Herzogin Luise, der den Lebensstil, vor allem den des Bürgertums, bestimmte.
Eine Zeitlang wurde die Spannung, die zwischen Regierung und Bürgerschaft herrschte, nicht zuletzt, weil die vom Land geleisteten Steuern zum großen Teil nach Coburg flossen, durch den Einfluß dieses Hofes gemildert.

 

 

2. Das Lyzeum

Dieser Art waren die Verhältnisse - nur kurz umrissen - in denen die Einwohner der Stadt lebten, als das Lyzeum (Gymnasium), geschaffen wurde. Natürlich besaß die Stadt schon lange eine zweiklassige Stadtschule. Ihre Qualität steigerte sich, als der aus Neumagen stammende Johannes Schué, der in Trier Theologie und in Paris Philologie studiert hatte und bacalaureus licentiatus war, die Stelle des ersten Lehrers am 1. August 1817 besetzte.

Es gab in der Hauptstadt des Fürstentums für die Söhne der Bürger und Beamten keine höhere Schule. Sie mußten ins "Ausland" - nach Preußen und Bayern - gehen (Trier, Kreuznach, Kaiserslautern, Zweibrücken). Daher wollten die Bürger die Regierung zur Errichtung einer höheren Schule veranlassen. Sicher steckten der rührige Bürgermeister Carl Cetto und Johannes Schué hinter folgender Aktion: Fünf junge St. Wendeler, die in Trier studierten: W. Hallauer, J. Heyl, Ph. J. Steininger, Karl Cetto und Franz Tosetti, machten eine Eingabe an die Landeskommission, in der sie die sozialen und finanziellen Gründe darlegten, die die Regierung veranlassen müßten, bald ein Gymnasium in St. Wendel zu gründen, das den Namen des Herzogs tragen sollte. Es waren keine Mittel da! Bürgermeister und Stadtrat wiederholten den Versuch ein Jahr später. Sie begründeten die Forderung damit, daß es für ein Land besser sei, die geistlichen und weltlichen Ämter mit eigenen Leuten zu besetzen, statt mit "Ausländern". Deshalb solle "die erste Entwicklung glücklicher Talente im Vaterlande selbst möglich gemacht" werden. Es fehlte auch das soziale Argument nicht, daß die begabten jungen Leute aus ärmeren Schichten unter den gegebenen Umständen keine Chance zum Aufstieg hätten. Zudem flössen enorme finanzielle Mittel ohne Änderung der Zustände in der Zukunft ins Ausland.

Die Landeskommission war Ende 1818 geneigt, der Errichtung eines Lyzeums näher zu treten. Bei den darauf folgenden Beratungen des Stadtrats spielten die Zusammensetzung des Lehrerkollegiums und die Besoldung, die Anzahl der Schüler und ihre finanzielle Leistung, freiwillige finanzielle Leistungen und eine Auflage für sämtliche Bürgermeistereien des Fürstentums eine Rolle. Bei einem von C. Cetto errechneten Kapitalbedarf von ca. 80.000 Gulden mußten Stadt, Fürstentum und Kirche, die auch an der Hebung des geistigen Niveaus interessiert war, finanziell zusammenstehen. Die Stadt stellte in der ehemaligen Magdalenenkapelle die nötigen Lehrräume und Wohnungen für die fünf vorgesehenen Lehrer zur Verfügung. Cetto sah einen Zeitraum von 10 Jahren bis zur gymnasialen Vollanstalt für notwendig an. Dies war ungefähr ein Jahrzehnt nach der Einrichtung des preußischen Gymnasiums durch W. v. Humboldt.

Angesichts der schwachen Aussichten für eine schnelle Verwirklichung gründete Schué mit dem ehemaligen Kandidaten der Theologie Sauer eine private Höhere Schule gymnasialer Art. Er hegte dabei die Hoffnung auf "Höheres". Am 13. September 1823 legte schließlich ein Dekret des Herzogs Ernst die Grundbestimmung fest:

Stadtschule und Schuésche Privatschule werden vereinigt zum Lyzeum. Es umfaßte die Prima, Sekunda, Tertia und Quarta; diese Form wurde 1824 um eine 5. Klasse erweitert, welche die Schulanfänger aufnahm. Sekunda und Prima sollten nur für Knaben sein und hier der Unterricht in Latein, Französisch und reiner Mathematik einsetzen. Das Lehrerkollegium setzte sich zusammen aus Rektor, Konrektor und Tertius. Dazu kamen die Lehrer der Stadtschule als Quartus und Quintus. Da die Schule bis zur Tertia koedukativ war, war darunter eine Lehrerin. Mit der Schule war ein Landesschullehrerseminar verbunden, dessen Leiter der Rektor des Lyzeums war.

Am 26. September 1824 veröffentlichte der Regierungspräsident, Baron von Coburg, die Stiftungsurkunde, die Errichtung eines herzoglichen Lyzeums zu St.Wendel betreffend. Dies ist der Wortlaut:

Stiftungsurkunde, die Errichtung eines Herzogl. Lyzeums zu St. Wendel betreffend. Im Namen Sr. Durchlaucht des Herrn Herzogs Ernst, Herzog zu Sachsen-Coburg-Saalfeld, Fürst zu Lichtenberg usw. Seine Herzogliche Durchlaucht haben den angelegentlichen Wünschen der Bewohner des Fürstentums nach dem Besitze einer höheren Lehranstalt auf das vollständigste zu entsprechen und durch höchste Entschließung vom 12. d. M. die Errichtung eines Herzoglichen Lyzems allhier zu St. Wendel gnädigst zu verfügen geruht. Diese höhere Lehranstalt wird noch für das bevorstehende Wintersemester eröffnet und der Plan über die Lehrgegenstände des in 5 Klassen erteilt werdenden Unterrichtes demnächst zur allgemeinen Kenntnis gebracht werden. Zugleich haben Seine Herzogliche Durchlaucht dem bisherigen ersten Stadtschullehrer allhier Johann Schué zum Rektor, den Kandidaten der Theologie Karl Juch aus Gotha zum Konrektor, den bisherigen Hilfslehrer an der hiesigen Stadtschule Gregor Bergmüller zum vierten Lehrer und den Küster
und Stadtschullehrer Johann Jörg allhier zum fünften Lehrer an dem Herzoglichen Lyzeum gnädigst ernannt.

St.Wendel, den 26. September 1824.

Herzogl. Sächsische Regierung
Coburg.


Das Schulgebäude war die ehemalige Magdalenenkapelle. Die Eröffnung fand am 18. 10. statt. Weil die Stadt Hauptstadt war, wurde die Zusammensetzung des Festzugs von der Regierung folgendermaßen bestimmt: Stadtvertreter, Lehrerkollegium, Regierungspräsident, Mitglieder der herzöglichen Regierung und Verwaltung, die Bürgerschaft schloß sich dem Zuge an. Reden und Gegenreden äußerten Lob und Wünsche; ein Ball beschloß die Feier.

Damit hatte St. Wendel - zunächst - eine höhere Schule, die den Grundstein darstellte zum heutigen Gymnasium. Wenn man den Zeitpunkt innerhalb der großen deutschen Geistesgeschichte markieren will, so kann man sagen, es ist ein paar Monate vor der letzten Schaffensperiode Goethes 1825 und dem Beginn der Herausgabe seiner gesammelten Werke, auch das Jahr, in dem Rankes erstes Werk erschien. Es ist nicht möglich zu erkennen, wieviel von den aktuellen geistigen Bewegungen im nächsten Jahrzehnt in diesen Weltwinkel drang. Daß manches hineindrang, ist zu ersehen an der politischen Einstellung der Lehrer der Schule, wie noch zu zeigen sein wird. Der Unterricht war humanistisch bestimmt, wie die erste Abiturientenprüfung am 15. Oktober 1825 zeigte. Die zwei Prüflinge - die Schule hatte damals 69 Schüler - Gustav Amling und Nikolaus Clemens bestanden. Die Prüfung begann mit einer Erklärung einiger Stellen aus der Odyssee ex tempore, setzte sich fort in der achten Ode des dritten Buches des Horaz, erfaßte geschichtliche und mathematische Fragestellungen. Es gibt aber keine Notiz über die Kenntnisse im Deutschen, obwohl auch dieses Fach gelehrt wurde. Doch ist die Abhandlung im Deutschen Gegenstand der Prüfung der folgenden Jahre bis 1831, in denen sich die Abiturientenzahl erhöhte bis auf fünf, unter ihnen auch als jüngster Schüler ein Gothaer. Aus den ersten Jahren des Bestehens ist eine Einladungsschrift des Rektors zur Feier des Geburtstages des Herzogs Ernst am 2. Januar 1828 erhalten, selbstverständlich in Latein:

Es ist wahrscheinlich, daß das Lehrerkollegium einen bestimmenden geistigen Einfluß auf das Bürgertum der Stadt ausübte. Nimmt es wunder, daß die Lehrer angesichts ihrer klassischen Bildung das Zentrum eines Kreises der Philhellenen waren! Sie verfolgten begeistert den Freiheitskampf des griechischen Volkes und unterstützten ihn finanziell. Einer ihrer Schüler, der spätere St. Wendeler Arzt Dr. Trost, besang in einem Epos in Hexametern das Heldentum der Griechen. Dieser Gedanke einte auch einigermaßen die Beamten aus Coburg und aus St. Wendel, während man sich sonst ziemlich aus dem Wege ging.

Acht Jahre blühte die Schule, da kam ein Bruch. Die Wellen der Julirevolution von 1830 schlugen auch nach St.Wendel. Die drei Lehrer des Lyzeums vertraten großdeutsche, unionistische und parlamentarische Gedanken auch in öffentlichen Kundgebungen. "Es lebe Deutschlands Einheit, Stärke und Wohl!" schloß Konrektor Juch, ein alter Jenenser Student, seine Rede auf dem Bosenberg ab. Sie machten Eingaben im Zusammenhang mit dem Hambacher Fest, in denen sie Beschwerde führten über die absolutistische Politik der Regierung und ihre unkorrekte Berichterstattung über politische Unruhen im Zusammenhang mit der Errichtung eines Freiheitsbaumes vor dem Roten Haus und der Verlagerung preußischer Truppen in die Stadt. Die Folgen waren nicht nur persönlicher, sondern auch schulischer Art. Die Schule wurde nämlich im Sommer 1832 geschlossen, die Schüler zerstreuten sich, die Lehrer Schué, Juch und Sauer wurden ins Gefängnis gesetzt, ebenfalls der Lehrer der Elementarklassen Bergmüller. Teilweise erfolgt Freispruch, teilweise Gefängnis bis zu drei Monaten, verhängt durch das Zuchtpolizeigericht.

Der Vorgang hat interessanterweise - allerdings nicht bis zu diesen Folgen - etwas mehr als 120 Jahre später eine Parallele.

 

 

3. Die Realschule

Die Lehrer - man bedenke die komplizierten Einkommensverhältnisse der damaligen Zeit - erteilten den in der Stadt verbliebenen Schülern Privatunterricht. Das wurde ihnen als Errichtung einer Privatschule ausgelegt und verboten, doch gab die Regierung 1833 diesen Unterricht wieder frei. Stadt und Fürstentum unterstützten ihn sogar. 1833 machte die Regierung den Vorschlag zur Errichtung einer Realschule als Höherer Bürgerschule. Sie umfaßte 5 Klassen, Deutsch nahm einen größeren Umfang im Programm ein. Die Schule wurde schließlich durch eine höhere dritte Klasse erweitert, in der Schué und Juch unterrichteten. Sie wurde am 1. Mai 1834 eröffnet. Sauer ging nach Echternach.

Da die Magdalenenkapelle Kaserne geworden war, fand die Schule Unterkunft in den von der Regierung freigegebenen Räumen des Gefängnisses in der Josefstraße, eben jenes Hauses, in dem die Lehrer "gesessen" hatten.

Die Ereignisse verleideten dem Herzog den weit entfernten Besitz. Deshalb wurde das Fürstentum am 31. Mai 1834 preußisch; da war die Schule gerade einen Monat alt. Es ist das Jahr der Wiener Ministerialkonferenzen, die die Reaktion verstärkten und zu Demagogenverfolgungen führten. Die höhere Stadtschule wurde der königlichen Regierung in Trier unterstellt und von der Volksschule völlig getrennt. Sie sollte in ihrer Form "eine dem zukünftigen bürgerlichen Stande möglichst angemessene weitere Bildung" vermitteln und "der Neutralisierung der Studiersucht" dienen. Da Latein dem Zweck der Schule fremd war, sollten die beiden Hauptlehrer die alten Sprachen in Privatunterricht lehren.

 

 

4. Das Progymnasium

Die Versuche der Bürger, die Schule zu erweitern um die Fächer Physik, Chemie und Technologie, wie das benachbarte Bayern sie kannte, und ebenso um Latein und Griechisch, scheiterten an dem Einwand Berlins, es gebe zu viel gute Lehranstalten ringsum: in Saarbrücken, Zweibrücken, Kreuznach. Trotzdem ruhten die Bürger, vor allem das Kuratorium der Schule, nicht. Sie erreichten es schließlich, daß durch  Ministerialerlaß  vom  5. 9. 1854 die Errichtung eines dreiklassigen Progymnasiums genehmigt wurde. Neuer Direktor wurde Johannes Busch, bis dahin Leiter des Progymnasiums zu Prüm. Das Kollegium umfaßte 7 Lehrer. Am 7. Dezember 1855 erhielt die Anstalt die Bezeichnung "Königliches Progymnasium". Auf Drängen der Bürger wurde 1863 die Tertia angegliedert und die Stundenzahl für Latein und Griechisch zuungunsten anderer Fächer von unten herauf vermehrt.

Am 6. Oktober 1863 schied Johannes Schué -jetzt der zweite Lehrer - der Begründer des Lyzeums, anläßlich seines 50. Dienstjubiläums 71-jährig aus, gefeiert von den geistlichen und weltlichen Behörden, der Bürgerschaft und seinen ehemaligen Schülern. Am 22. Januar 1867 starb er in Urexweiler. Sein Grab kennt niemand mehr.

Daß sich im Kollegium Änderungen vollzogen im Laufe der Jahrzehnte, ist selbstverständlich, zumal bei Kriegsausbruch 1870; sie können hier nicht aufgezeigt werden. Während auf der hohen Ebene das Zweite Deutsche Reich geschaffen wurde, verfolgten die Bürger ihre kleineren, aber für sie nicht weniger wichtigen Ziele weiter. Ihr drängendes Bemühen, vor allem das des Bürgermeisters Müller, erreichte, daß eine weitere Klasse angegliedert wurde und die Stundenzahl der alten Sprachen für Latein auf 10, für Griechisch auf 6 wuchs. Die Schülerzahl betrug mit der Sekunda 98 Schüler.

Das alte Gebäude war zu klein. Ein Neubau mußte ins Auge gefaßt werden, aber er ließ sich nicht so schnell verwirklichen, wie der Rektor es erhoffte, der das Jahr 1875 als Jahr der Vollendung ansah.

Währenddessen wurde die Anstalt dem Rhein. Provinzialschulkollegium zu Koblenz unterstellt. Vom 1. Januar 1874 an wurde sie als Staatsanstalt anerkannt. Die Freude in der Stadt darüber war groß, da man dieses Ereignis als Vorbedingung für den Ausbau der Anstalt zur Vollanstalt ansah.

Immerhin waren seit der Gründung 50 Jahre verflossen, und die Schule hatte - wie auch in unserer Zeit - ein wechselreiches Schicksal. Am 18. Oktober 1874 beging sie die Feier ihres 50jährigen Bestehens. Es war der Jahrestag der
Geburt des Kronprinzen. Es war die Zeit, in der der Kulturkampf seinem Höhepunkt entgegensteuerte. Zur Feier waren der Regierungspräsident von Wolff aus Trier und der Provinzialschulrat Dr. Stauder aus Koblenz erschienen. Gegenstände der Reden im Kasino waren die Schule selbst, seine Majestät, der Kaiser und König, seine Majestät der Kronprinz, der Geist der Stadt St. Wendel, die Persönlichkeit des Regierungs- und Schulrats Keller aus Trier, der ein steter Förderer der Schule war, der Bürgermeister und der Stadtrat von St.Wendel und schließlich auch der Wert der humanistischen Studien. Lehrer wurden befördert, und der Landrat erhielt den "Rote Adler Orden 3. Klasse mit Schleife". Gratulationen von ehemaligen Lehrern und Schülern gingen ein, aber eine Enttäuschung gab es doch: Man konnte mit
diesem Ereignis nicht zugleich den Grundstein für das neue Gebäude legen. Dafür bekam die Schule einen neuen Namen: "Kronprinz Friedrich Wilhelms-Progymnasium " .

 

Der Einzug in das neue Gebäude war im Oktober 1877. Es ist das Gebäude, das jetzt als das Alte Gymnasium in der Gymnasialstraße bezeichnet wird, das immer noch schulischen Zwecken dient. Auch die Stadt hatte erhebliche Mittel zum Bau der Schule bereitgestellt. Für die Feier hatte die Schule einen eigenen Festraum, die Aula, nachdem der Zug vom ersten Progymnasialgebäude in der Josefstraße am neuen Gebäude angekommen war. Auch hier hörte die Festversammlung Segenswünsche und Äußerungen auf eine hoffnungsvolle Zukunft. Die Schüler umrahmten die Feier mit Musik, Gesang und Deklamationen, und der Rektor wies auf die Aufgaben hin, an denen die Anstalt "in unserer tief bewegten Zeit mit ganz besonderem Ernste mitzuwirken hat". Es wurden Hochrufe auf den Kaiser und den Kronprinzen ausgebracht, und begeistert sang die Festversammlung die Nationalhymne, zumal anläßlich einer Vorbeifahrt Sr. Majestät im Mai ihr Auge auf das im Bau befindliche Gebäude gefallen war. Der Rektor, der die Schule seit 1855 geleitet hatte, schied mit Beginn des Winterhalbjahres 1889/9O aus der Schule aus. Auch ihn ehrte der Kaiser und König mit dem "königlichen Kronenorden lll. Klasse". Sein Nachfolger wurde der bisherige Oberlehrer am königlichen Gymnasium in Bonn, Dr. Franz Koch.


Eines Tages traf Prof. Orlik in Berlin seine beiden Akademieschüler Hoexter und Sintenis, wie sie leicht beschwipst die Friedrichstraße entlangschlenderten. "Eine Schande", sagte er, "daß zwei so begabte junge Menschen nichts Besseres zu tun haben als sich am hellichten Tag zu betrinken." - "Aber, Herr Professor", sagt da der Hoexter mit erhobenem Zeigefinger, "leidet die Welt nicht weniger unter der Faulheit der Begabten als unter dem Fleiß der Unbegabten?"
Nach F. Michael

Im Zuge der Neuordnung der höheren Schulen verlor aber mit Beginn des Schuljahres 1892/93 die Schule die OII, sodaß aus der siebenstufigen wiederum eine sechsstufige Schule wurde, deren Abschlußprüfung den Zugang für alle Zweige des Subalterndienstes öffnete. Der Leiter trug den Titel "Direktor", die festangestellten wissenschaftlichen Lehrer den Titel Oberlehrer.

Auch im folgenden Zeitraum traten häufig Veränderungen im Kollegium durch Todesfälle, Pensionierungen, Beförderungen, Ausbildungslehrgänge und Versetzungen ein, die sich im wesentlichen innerhalb des Raumes der Rheinprovinz vollzogen, vor allem zwischen St. Wendel und dem Niederrheingebiet und Westfalen. Die Zahl der "Abiturienten" nahm bis zum Jahre 1899/1900 ständig zu. 1899 waren es 18 Prüfungskandidaten, 7 davon aus St.Wendel selbst, die andern zum größten Teil aus den umliegenden Ortschaften. Es war das Jahr, in dem das 75-jährige Bestehen der höheren Lehranstalt und das 25-jährige Bestehen des "königl. Kronprinz Friedrich Wilhelms-Progymnasiums" gefeiert wurde. Der Festausschuß setzte sich aus prominenten Männern der Bürgerschaft zusammen. Die Begrüßung der ehemaligen Schüler, Lehrer und Freunde fand am 14. Oktober im Paque'schen Saale statt. Musikstücke des Streichquartetts, Chorlieder des Männergesangvereins, eine Rede des Direktors Dr. Koch, eine Dankrede des Vertreters der ehemaligen Schüler und gemeinsam gesungene Lieder folgten aufeinander. Die Schulfeier selbst fand im geschmückten Saale des Gesellenhauses statt, in der auch als Gratulanten der Direktor des Progymnasiums in Neunkirchen und des Gymnasiums in Birkenfeld ihre Glückwünsche aussprachen. Von der Bürgerschaft wurde der Wunsch ausgesprochen, die Schule möge bald Vollanstalt werden. Am Abend versammelten sich in diesem Raume die Familienangehörigen der ehemaligen und gegenwärtigen Schüler, so daß das Fest ein kleines Volksfest wurde.

Zwei Jahre später wechselte die Leitung wieder. Direktor wurde Dr. Josef Baar, abermals zwei Jahre später Dr. Paul Fischer, bis dahin Oberlehrer am Gymnasium Neuß. Der neue Direktor verfolgte mit Energie die Entwicklung der Anstalt zur Vollanstalt, indem er die Stadtverwaltung zu einer entsprechenden Eingabe an den Vorsitzenden des Provinzial-Schulkollegiums, den Oberpräsidenten von Schorlemer, veranlaßte. Wie die Stadt bis dahin schon an der Finanzierung der Schule beteiligt war, so erklärte sie sich jetzt zu einer großen Steigerung dieser Leistung bereit, wenn ihrem Wunsche stattgegeben würde. Die Schwierigkeit war die Beschaffung des nötigen Unterrichtsraumes. Die Stadt ermöglichte den Ausbau des Gebäudes unter Bürgermeister Friedrich durch einen einmaligen Zuschuß von 15.000 Mark.

 

5. Das Gymnasium

Im Jahre 1907 wurde der Ausbau zur Vollanstalt begonnen mit der Angliederung einer Oll. Die Anstalt führte jetzt den Titel "Königl. Kronprinz Friedrich Wilhelms-Gymnasium i. E. zu St. Wendel". Der Initiator Dr. Fischer war bereits Direktor in Saarlouis, an seine Stelle war Prof. Dr. Hau vom Hohenzollerngymnasium in Düsseldorf getreten. Die erste Reifeprüfung am Gymnasium fand im Januar und Februar 1910 statt, nach eingehender Revision durch den Provinzialschulrat Dr. Buschmann. Von 19 Kandidaten wurden 18 für reif erklärt für die höheren Studien. Das gute Ergebnis der Prüfung führte dazu, daß die Anstalt nun "Königl. Gymnasium" wurde durch Ministerialerlaß vom 4. 3. 1910. Die Stadt veranstaltete zu Ehren der Schule ein glänzendes Festmahl.

Im Jahrzehnt zwischen 1900 und 1910 traten eine Reihe von Lehrern ihren Dienst an der Schule an, die deren Stil und die Atmosphäre mehrere Jahrzehnte lang bestimmten. In den folgenden zwei Jahrzehnten fand ein ziemlich starker Lehrerwechsel statt.

 

Der Ausbau der Schule führte zu einer wachsenden Schülerzahl, so daß abermals ein Neubau ins Auge gefaßt werden mußte. Fünf Jahre zogen sich die Verhandlungen um den Bauplatz hin, schließlich entschied sich die Regierung doch für den von der Schule vorgeschlagenen Platz, auf dem die heutige Schule steht. Das war am 1. Juni 1915. Da war schon fast ein Jahr Krieg, viele Mitglieder des Kollegiums waren einberufen, einige gefallen. Auch zahlreiche Schüler hatten die Anstalt in nationaler Begeisterung verlassen, um als Kriegsfreiwillige ins Heer zu treten: Oberprimaner mit Notabitur; Unterprimaner, sogar Ober- und Untersekundaner. Schüler der mittleren und oberen Klassen, die nicht zur Truppe konnten, stellten sich den Hilfsdiensten veschiedener Art zur Verfügung. Der Unterricht ging aber weiter, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, und das Neubauprojekt wurde weder von der Regierung noch von Schule und Stadt vergessen. Die Tatsache aber, daß der Krieg anders verlief, als man erwartet hatte, und schließlich verloren ging, schob die Realisierung noch ein Jahrzehnt hinaus.

 

 

6. Die Zeit des Saargebietes

Abermals wechselte die oberste Schulbehörde. Seit Anfang 1920 wurden die Schulen des nunmehr gebildeten Saargebiets der Regierungskommission des Saargebietes unterstellt. Am 18. Oktober 1920 trat ein neuer Direktor, Dr. Edelbluth, den Dienst an der Schule an; er war von der Regierungskommission berufen worden. Er war gebürtiger Dillinger.

 

Die Schule wuchs in dieser Zeit enorm, Ostern 1921 waren Quinta, Quarta, Unter- und Obertertia geteilt. Die Zahl der Schüler betrug 318. 1922 mußten bereits fünf Klassen in verschiedenen anderen Gebäuden der Stadt untergebracht und überdies sogenannte Wanderklassen eingerichtet werden. Das Kollegium zählte 21 Herren. 1924 erhielt der Leiter der Schule den Titel "Oberstudiendirektor". Wechsel im Kollegium vollzogen sich, den politischen Verhältnissen entsprechend, jetzt im großen und ganzen innerhalb der Grenzen des Saargebietes. Die Schule wuchs ständig, so daß bei 18 Klassen mit 550 Schülern schließlich 9 Klassen außerhalb des Gebäudes waren -  kein idealer Zustand, weder für den Unterricht, noch für die Lehrer, wohl aber für die Schüler! In diesen Jahren wurde auch ein Versuch gemacht, in lllingen eine Zubringerschule als Lateinschule zu schaffen, der aber scheiterte. 1925 hatten die Sexten 135 Schüler, 1928 hatte die Schule 20 Klassen und 800 Schüler. Die Regierung sah daher die Notwendigkeit eines Neubaues ein. Angesichts der Bedeutung des Baues sollte ein Plan zur Ausführung gelangen, der Zweckmäßigkeit, neuzeitliche Hygiene und künstlerische Wirkung in sich vereinigte. Das wollte man mit Hilfe eines Preisausschreibens erreichen. Das Gebäude sollte eine Musterschule und ein Denkmal für die Regierungskommission sein. Deshalb stand im Vestibül in silbernen Lettern
"Errichtet von der Regierungskommission des Saargebietes". Die Funktionsräume wurden hervorragend ausgestattet, die Biologieabteilung aber leider nicht, so daß der Unterricht in diesem Fach heute noch eingeengt ist, weil Übungsräume fehlen. Die Räume der Oberklassen hatten Epidiaskope und Verdunkelungseinrichtungen, selbstverständlich auch die Physik- und Chemieabteilung; auch hier waren ausgedehnte Übungsräume vorhanden, obwohl im Gesamtbildungsgang nur l/2 Jahr Unterricht für Chemie vorgesehen war.

Der 5. März 1926 war als Termin für den Baubeginn festgesetzt. Am 18. 11., nachmittags um 16.00 Uhr, wurde die feierliche Versenkung der Urkunde über die Errichtung des Gymnasialbaues vollzogen. Am 17. September 1928 fand die Feier zur Einweihung des neuen Gymnasiums statt. Ein feierlicher Zug von Lehrern in Cutaway und Zylinder und Schülern in farbigen Mützen mit Silber- u. Goldbändern bewegte sich vom alten Gebäude in der Gymnasialstraße über die Werschweilerstraße zum neuen Gebäude in der Schorlemerstraße.

Welches Staunen mag wohl auf dem Gesicht manchen Schülers, der den Bau zum erstenmal von innen sah, gestanden haben, zumal als er in die Aula trat!

1929 schied Dr. Edelbluth aus dem Dienst. Sein Nachfolger wurde Dr. Franz Arens, der  seit dem 1. 4. 1930 die Schule leitete. Er übernahm keine leichte Aufgabe, denn die Nachwehen der Verzettelung der Klassen und des Unterrichtes waren immer noch nicht ganz überwunden. Seine Dienstzeit sollte noch mit anderen Schwierigkeiten gefüllt sein. Er meisterte sie mit fester Hand. Die Schule versuchte nämlich, der Gefährdung der Schüler durch die weltanschaulichen Ideen im Anfang der 30erJahre auf ihrem ureigenen geistigen Gebiet zu begegnen, indem sie sich entschlossen zeigte, die abendländische Kontinuität zu wahren. Dies zeigt eine Rede des Direktors vom Mai 1931 anläßlich des Besuchs des Bischofs von Trier. Er stellte Kirche und Schule als Verbündete dar und betrachtete es als die Aufgabe der Schule, die "christiana missio" zu erfüllen.

Der Status des Saargebietes war ja nur einer auf Zeit. Deshalb ist es nicht verwunderlich, daß die geistigen Strömungen, wie die der Jugendbewegung, aber auch solche politischer Art, aus dem "Reich" kräftig in unseren Raum hineinwirkten. Der Nationalsozialismus warf seine Schatten auch hierher voraus. Auch an der Schule gab es, allerdings nur sehr vereinzelt, Vertreter nationalsozialistischer Gedanken unter den Schülern. Deshalb wurde 1932 das Tragen von Uniformen und Abzeichen in der Schule, auch die Teilnahme an Jugendtreffen politischen Charakters, überhaupt jede politische Betätigung in der Schule verboten.

Die Volksabstimmung 1935 entsprach dem politischen Wollen des weitaus größten Teiles des Kollegiums und der Schüler, trotz der Bedenken, die viele angesichts des politischen Systems im "Reich" hatten.

 

7. Die Schule zur Zeit des Nationalsozialismus

Wann die Übernahme der Schule durch eine Kommission unter Führung des Regierungspräsidenten aus Trier für das Reichserziehungsministerium stattfand, kann nicht gesagt werden, da über diesen Vorgang keine Unterlagen mehr vorhanden sind. Es muß jedenfalls Ende Februar gewesen sein, denn am 3. März fand anläßlich der offiziellen Rückgliederung - am 1. und 2. März war schulfrei - auf dem zum "Adolf-Hitlerplatz" umbenannten Schloßplatz eine gemeinsame Jugendfeier aller Schulen statt. Da das öffentliche Leben der "Westmark" schnell auf die seit 1933 entwickelten Verhältnisse im Reich umgestellt werden sollte, gab es an der Schule sehr viel Unterrichtsausfall
infolge vieler nationaler Feiertage, Sammlungen, Schulungen und dergleichen. Der Samstag war lange Zeit "Staatsjugendtag". Das waren bis zu einem gewissen Grad aber nur äußerliche Angelegenheiten. Schwerwiegender war die den Beamten im Reich schon am 20. August 1934 abverlangte Ablegung des Eides auf den "Führer Adolf Hitler" persönlich. Es begannen die Versuche auf Umerziehung für Lehrer und Schüler durch Teilnahme an nationalpolitischen
Lehrgängen und Schulungstagungen. Sie hatten die Heranbildung einer Führerschicht zum Ziel, die ohne Überschätzung (so eine Verfügung vom 23. 3. 1935) intellektueller Fähigkeiten "mit den Bedürfnissen der rassischen Volksgemeinschaft im Einklang steht". Daher wurde am 22. Mai 1935 verfügt, daß aus Gründen der Erziehung "zur freudigen und stets einsatzbereiten Hingabe an die Nation" bis zum 1. 11. wöchentlich eine Geschichtsstunde auf die Behandlung der Zeit vor dem Ausbruch des Weltkrieges bis zur Saarabstimmung verwendet werden sollte. Themen waren:

 

1.     Schlachten des Krieges
2.     Helden des Krieges
3.     Die Anstrengungen des deutschen Volkes
4.     Die Disziplin der Deutschen usw.
5.    Die Geschichte der Weimarer Republik in nationalsozialistischer Sicht
6.     Erfüllungspolitiker, Marxismus, Judentum als Feinde des Deutschen Volkes
7.     Bedeutung der Rasse, die Blutopfer, die Verordnung zum Schutz für Volk und Staat usw.

Die Lehrer, die diese Stunden zu halten hatten, mußten sehen, wie sie sich durchlavierten, oder sie gingen voll ins nationalsozialistische Lager über. Es waren aber an dieser Schule nur wenige; keiner von diesen jedoch hat einem Kollegen Steine in den Weg gelegt. Betroffen von diesem Unterricht waren alle Klassen und 9 Lehrer. Daß dieser Versuch der Impfung mit NS-Geist bis zur Lächerlichkeit gedieh, zeigt eine Unterschrift auf einem Schreiben des Deutschen Sprachvereins "Mit Sprach-Heil und Heil Hitler". Erste politische Anschuldigungen gegen einen Kollegen von außerhalb des Kollegiums konnten durch das Geschick des Direktors abgewehrt werden.

Von den 81 Schülern über 18 Jahren waren am 23. Oktober 1935 in der HJ 25, in der SA 16, in der SS 3; einer war PG (= Parteigenosse). Das war keineswegs eine Zahl, die darauf schließen läßt, daß viele Lehrer in dieser Richtung "Aktivisten" waren. Wie sollte sich die Schule aber auf die Dauer dem Sog entziehen können? Eine Notiz vom 5. Dezember vermerkt, daß 90% der Schüler innerhalb der HJ erfaßt waren und die Schule damit "berechtigt" war, bei feierlichen Anlässen die Hitlerjugendfahne aufzuziehen.

Zunehmende Einflußnahme auf den Unterricht im Sinne des Nationalsozialismus fand auch über die Lehrbücher statt. In einem Erlaß vom 5. 12. 1935 wird vom Reichskommissar für das Saarland die "Weltgeschichte an der Saar" von Karl Bartz empfohlen, in der der Saarkampf als eine wichtige Etappe zum Deutschen Aufstieg und als Faktor zur Wiedereinbeziehung Deutschlands in die europäische Politik bezeichnet wird.

Am Ende dieses Jahres hatte die Schule 466 Schüler, davon waren 3 "nichtarisch". Es wäre interessant zu wissen, wie sie innerhalb der Schulgemeinschaft behandelt wurden. Aufgrund der Informationen, die ein für damalige Verhältnisse zuständiger Lehrer, Dr. August Becker, gab, war die Atmosphäre für diese Schüler keineswegs unerträglich. Wenn Aktivisten gegen diese Mitschüler tätlich wurden, schritt der Direktor sogar mit Ohrfeigen(!)
ein.

Am 9. Dezember 1935 wurde den Direktoren, soweit sie keine überzeugten Nationalsozialisten waren, durch den Preußischen Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung eine heikle Situation bereitet. Sie wurden nämlich hinsichtlich der Konferenzen von deren "wechselnden Mehrheitsbeschlüssen" unabhängig gemacht, soweit dem nicht rechtliche Gesichtspunkte entgegenstanden. Die Entscheidungskompetenz wurde dem Direktor übertragen. Das Führerprinzip wurde angewandt.

In dieser heiklen Situation war zweifelsohne auch der Direktor dieser Schule. Noch in einer anderen Weise: In einer Verfügung vom 1. 12. 1935 verlangte der Gauleiter und Reichskommissar Bürckel kategorisch, daß alle Beamten, besonders alle Erzieher, in die Partei eintreten müßten. Dem Direktor blieb nichts anderes übrig, als der Aufforderung Folge zu leisten, wenn er die Schule nicht einem fanatischen Parteigenossen ausliefern wollte; er wußte aus authentischer Quelle, daß bereits jemand als sein Nachfolger ausersehen war. Er verhinderte auf diese Weise, daß die Aktivisten im Kollegium zum Zuge kamen.

Das Jahr 1936 scheint im ganzen ruhig verlaufen zu sein, wenn die Stille in den Akten nicht täuscht. Wohl könnte es sein, daß eine allgemeine Verfügung vom 12. September auch auf unsere Schule bezogen werden könnte. Darin heißt es, es hätten sich Gesinnungsgruppen gebildet, deren Angehörige ihre Gespräche unterbrächen, wenn solche von der andern in die Nähe kämen. Erstaunlicherweise verbietet sich der Unterzeichner Wambsganß, "daß Parteigenossen Nichtparteigenossen" überwachen, um ihnen Gesinnungsmangel nachzuweisen. Er wollte aber auch nicht haben, daß "Nichtnationalsozialisten den anderen schon deshalb aus dem Wege gehen, weil sie Nationalsozialisten sind". Kleinere Verstöße gegen nationalsozialistische Forderungen sollten im Schulhaus ihre Erledigung finden. Das Konferenzzimmer solle keine Stätte von Weltanschauungskämpfen, sondern ein Ort ruhiger Auseinandersetzung sein. Ein erstaunlicher Gedanke, wenn er ehrlich gemeint war!

Es mehrten sich aber Anzeichen von Störungen von außen. So beschwerte sich der Direktor darüber, daß der Reichsluftschutzbund ungebührliche Forderungen bezüglich der Inanspruchnahme des Schulgebäudes stelle und dies auch praktiziere. Er hatte Erfolg mit seinen Eingaben. Ein Erlaß vom 30. November 1936 kündigte auch eine Änderung in der Dauer der Schulzeit für Ostern 1937 an. Es sollte die zwölfjährige Schulzeit eingeführt werden, so daß am besagten Termin die Unterprimen der höheren Jungenschulen unter Weglassung einer schriftlichen Prüfung nach der Reichsprüfungsordnung sich nur einer mündlichen Reifeprüfung zu unterziehen hatten. Die Abiturienten traten sofort ins Heer ein.

Wie die ersten Abiturienten von 1910 nach der fröhlichen Feier ihrer Prüfung ins Heer einrückten und nach einigen Jahren sich in den Schützengräben tief hinter die Wände duckten, während die Feuerwalzen der Artillerie über sie hinweggingen, so lagen einige Jahre später auch diese jungen Leute - ebenso wie ihre Mitabiturienten bis in die zwanziger Jahre zurück - in den Schützenlöchern, fuhren in Panzern und schwammen auf hoher See um ihr Leben.

Für das folgende Jahr war bestimmt, daß der Lehrstoff einiger Fächer der OI, unter anderm Deutsch, Geschichte, Physik und Mathematik, in der UI in den Grundzügen behandelt werden sollte. Selbstverständlich durften Leibesübungen dafür nicht gekürzt werden. Angesichts der Mehrbelastung sollten Lehrer wie Schüler vom Dienst in den Parteigliederungen entbunden werden. Regelungen waren den Schulleitern anheimgestellt. Begründet war die Maßnahme mit Nachwuchsbedarf in der Wehrmacht und den akademischen Berufen. Zugleich kündigte der Erlaß eine Kürzung des Unterrichts für 1938 auf 11 Jahre an, so daß der Lehrstoff von UI bereits in den der OII einbezogen werden sollte.

Die Schule hatte am 15. Mai 1936 450 Schüler, davon 36 in OI, 31 in UI und 36 in OII. Die Beanspruchungen dieser Schüler von Seiten der Parteigliederungen ließen aber durchaus nicht nach, so daß einige Erlasse zur Rücksichtnahme bei geminderten schulischen Leistungen aufforderten. Die Lehrer wurden unter anderem durch militärische Übungen auf Zeit aus dem Unterricht herausgenommen, manche mehrmals. Die räumlichen Bedingungen änderten sich nicht zum Schlechten, da die Zahl der Klassen sich aus den oben gezeigten Gründen verminderte. Die Schule konnte sogar Teile der Staatl. Aufbauschule für Mädchen aufnehmen, da deren Haus im Zusammenhang mit dem Bau des Westwalls und der Kasernen beschlagnahmt worden war. 1937 hatte die Schule noch 396 Schüler. Damals wurde Franz-Josef Röder, der spätere Ministerpräsident des Saarlandes, ehemaliger Abiturient der Schule vom Jahrgang 1928, als Studienassessor in Neunkirchen der hiesigen Schule zur zusätzlichen Beschäftigung mit acht Wochenstunden zugeteilt, später kamen noch einige Stunden dazu. Das Kollegium zählte 24 Herren.

Das Jahr 1938 brachte in der inneren Struktur der Schule eine bedeutende Wandlung. Sie wurde in eine Oberschule umgewandelt. Das bedeutete, daß die gymnasialen Klassen Griechisch weiterführten, die Oberschule aber mit Englisch begann. Außerdem wurde in diesem Jahr die erste Klasse einer Förderstufe eingeführt, die, wie die erste Klasse der Oberschule, 6 Stunden Englisch hatte.

Daß die Schule keine unberührte Insel des Geistes war, wurde alsbald auch äußerlich deutlich dadurch, daß im Zusammenhang mit der Tschechen-Krise Ende Juli 1938 die Beschlagnahme der ganzen Schule durch die Festungs-Flak-Abteilung 32 verfügt wurde. Die Maßnahme wurde am 24. August wieder rückgängig gemacht, bis auf die Turnhalle. Sie war noch am 12. 12. belegt; die Räumung war für Februar 1939 angekündigt. Da die Bevorzugung der Leibesübungen schon früher zur Erhöhung der Zahl der Turnstunden auf 5 geführt hatte und die Schule 13 Klassen der Mädchenaufbau- und der Oberschule für Mädchen beherbergte, ließ sich dieser Unterricht nur teilweise verwirklichen.

Im nachhinein ist es erschütternd zu lesen, daß im Herbst 1938 ein kleiner Junge als einziger jüdischer Schüler der Schule in Klasse 4a war. Er hieß Berl. Doch offensichtlich hatte die Klasse ihn kameradschaftlich aufgenommen. Ein so menschliches Verhältnis hatten aber einige Lehrer leider nicht zu ihm. Im nächsten Jahr ist der Schüler in den Akten nicht mehr verzeichnet. Der allgemeine Erlaß des Reichserziehungsministers nämlich nach der "Kristallnacht" verwies ihn von der Schule. Das "Unwetter" kündigte sich an, nicht nur für die Juden, sondern für die Welt. Die dem Volke noch unbekannten Absichten Hitlers bewirkten einen wachsenden Druck auf die Schulen, der sich in den neuen Richtlinien "Erziehung und Unterricht" realisierte. Sie mußten in Fachsitzungen besprochen werden; zu beginnen war verständlicherweise mit den Gesinnungsfächern. Nach einem Protokoll vom 9. 6. 1939 war ein Mitglied des Kollegiums nach Kettwig zur Schulung in Deutsch gegangen. In einem Referat über diese Schulung wird deutlich, in welcher Weise vor allem die altdeutsche Dichtung von der nationalsozialistischen Weltanschauung her zu interpretieren sei. Die anfänglich ablehnende Haltung des Nationalsozialismus Goethe gegenüber beruhe darauf, daß seine Werke meist von Juden herausgegeben und kommentiert worden seien. Er müsse neu gesehen werden. Zur selben Zeit wurde in der pädagogischen Arbeitsgemeinschaft der erste Teil des Aufsatzes von Werner Jäger über "Humanismus und Jugendbildung" besprochen. Das Referat hielt ein junger Altphilologe; es schloß sich eine Erörterung in Form eines Vergleiches der Ansicht Jägers über die Notwendigkeit einer humanistischen Jugendbildung und den "Richertschen" Richtlinien von 1925 sowie dem Abschnitt "Grundsätzliches" aus "Erziehung und Unterricht" in der höheren Schule von
1938 an. Man kann sich nicht denken, daß die beiden Ausbilder ganz derselben Ansicht waren wie die Teilnehmer auf der anderen Seite. Wagten alle ihre Meinung offen auszusprechen? Es ist ein Einzelbeispiel der schizophrenen Situation, in der sich die Deutschen damals befanden.

Bei Kriegsbeginn standen außer dem Direktor am 16. 9. 1939 nur noch 15 Herren zum Unterricht zur Verfügung, die anderen waren eingezogen (8) oder krank. Die Räume des Gebäudes waren teilweise (Keller) zur Unterbringung des Inventars der geräumten Zone, teilweise als Schuhlager (Speicher) von Saarbrücker Firmen verwandt, auf "absehbare" Zeit war das Gebäude ganz der Wehrmacht zur Verfügung gestellt, so daß der Unterricht nicht mehr aufgenommen werden konnte. Im Erdgeschoß war ein Feldlazarett eingerichtet, das Obergeschoß diente als Zivilkrankenhaus mit Pflegepersonal. Wegen der zu erwartenden Beschädigungen drängte der Direktor auf Übergabe an die Grenzkommandantur. Die Schüler der 8. Klasse, die zum Heeresdienst einberufen wurden, erhielten ein Abgangszeugnis mit Reifevermerk.

Am 25. 10. 1939 wurde der Unterricht wieder aufgenommen, allerdings nicht im eigenen Gebäude, sondern in der Hans-Schemm-Schule und in Alsfassen. Er umfaßte nur die Hauptfächer und höchstens 4 Stunden für eine Klasse, so daß mit den andern Schulen umschichtig gearbeitet werden konnte. Aber die Reihen der Schüler lichteten sich. Am 15. 1. 1940 waren von 32 Schülern der Klasse 8 (= Unterprima) acht eingezogen. Die Gesamtschwierigkeiten führten zu der Verordnung, daß nicht mehr die Richtlinien und Lehrpläne, sondern die tatsächlich erarbeiteten Stoffgebiete maßgebend für die Beurteilung sein sollten.

Angesichts der eigenen Schwierigkeiten richtete der Direktor eine eindringliche Beschwerde über die unmöglichen Schulverhältnisse in St. Wendel an den Reichskommissar in Kaiserslautern. Er hoffte darauf, daß nach den Ferien wenigstens die Räume im Gymnasium frei wären. Es wären dann bei 18 Klassen 10 Lehrer zusätzlich nötig gewesen. Es wurden ihm Damen und Herren aus der evakuierten Zone zugewiesen. Das Gebäude war aber erst am 20. September geräumt. Die Schüler leisteten die Aufräumungsarbeiten. Die Schwierigkeiten waren damit aber nicht zu Ende. Der Fliegeralarmerlaß vom 14. 9. führte dazu, daß bei nächtlichem Alarm von 3 Stunden Dauer der Unterricht für die unteren Klassen ganz ausfiel, bei den höheren begann er erst um 10 Uhr. Als nach dem Ende des Westfeldzuges die Evakuierung
rückgängig gemacht wurde, kehrten überdies die Lehrer aus dieser Zone an ihre Schulen zurück. Außerdem wurden Lehrer an die Schulen nach Lothringen eingewiesen, so daß ein neues Dilemma hinsichtlich der Lehrkräfte entstand. Eine Reihe im Ruhestand lebender Damen und Herren stellten sich wieder zur Verfügung, um die Lücken einigermaßen zu schließen.

Da im Jahre 1943 am 26. 2. die Klasse 7 (= Obersekunda) im ganzen nur noch 24 Schüler hatte, ist deutlich, daß viele Oberstufenschüler eingezogen waren. Aber erst jetzt begann die Heranziehung der Schüler als Luftwaffenhelfer, so daß die Klassen 6, 7 und 8 aufgrund eines Erlasses zu einer Klasse zusammengelegt wurden. Die dadurch freigewordenen Lehrer mußten den Unterricht bei den Flak-Helfern übernehmen. Die St. Wendeler Schüler wurden in den Räumen Hagenau und Diedenhofen eingesetzt und dort für 3 Tage in der Woche zum Unterricht zusammengezogen. Dr. August Becker pendelte zwischen St. Wendel und Hagenau, Herr Thiel zwischen St. Wendel und Diedenhofen, und zwar per Eisenbahn.

Nachdem am 2. Februar Stalingrad gefallen war, wurde der Wehrgedanke forciert; am 3. März nämlich mußte der Direktor dem Wehrkreiskommando XII versichern, daß der Unterricht ganz auf die "wehrgeistige Erziehung", vor allem in den deutschkundlichen und sprachkundlichen Fächern, abgestellt sei. Die Fahrschüler wurden indessen immer mehr durch die Luftangriffe gefährdet. Der Unterricht mußte oft unterbrochen werden oder begann spät. Am 8. September 1944 kamen zwei Schüler bei Walhausen beim Luftangriff auf die Eisenbahn um. Seit Beginn der Invasion rückten die Kampfereignisse immer näher auf uns zu, und schließlich war ab Sommer 1944 kein Unterricht mehr möglich.

 

8. Das Gymnasium seit 1945

1945 begann abermals ein neuer Abschnitt in der Entwicklung der Schule. Bei Kriegsende war das Gebäude Kriegslazarett. Nach dem Einrücken der Alliierten wurde es von einer französischen Kriegsschule belegt. Der Chef dieser Schule forderte am 29. September 1945 vom Direktor die Schlüssel zum Hause und allen Räumen. Für die Lehrer begannen Epurationsverfahren. Dem Direktor wurde unter Belassung seines Titels und der Gehaltsstufe die Leitung der Schule entzogen  - nach Meinung der meisten Lehrer unbegründet - . Sie wurde dem Oberstudiendirektor Dr. Peter Schindler übertragen. Für den 1. Oktober 1945 verfügte das Regierungspräsidium in Saarbrücken die Eröffnung der Schulen. Die Militärverwaltung stellte für diesen Tag die Aula des Gymnasiums zur Verfügung. Es war der erste Schultag im Frieden nach einem schauerlichen Jahrzehnt. Der Direktor schloß seine geistvolle Rede mit den Worten: "Wir dürfen wieder gut sein. Wir dürfen wieder Gutes tun. Wir sind frei im Geist".

 

Eine Liste von 1944 verzeichnet 41 Lehrkräfte an der Schule. Die Zahl ist aber rein theoretisch. Viele waren aus dem Kriege noch nicht zurück, in Gefangenschaft oder vom Dienst suspendiert. Das Schuljahr 1945/46 mußte mit 20 Lehrkräften beginnen, von denen einige bereits im Ruhestand waren und sich wieder zur Verfügung gestellt hatten.

Den 18 Klassen, denen 614 Unterrichtsstunden zustanden, konnten 148 Stunden nicht gegeben werden. Der Unterricht begann am 2. Oktober im jetzt wieder "Cäcilienvolksschulhaus" genannten Gebäude. Die Raumnot war angesichts der Klassenzahl groß. Die Schüler nahmen bei den mangelhaften Verkehrsverhältnissen große Strapazen auf sich. Nicht weniger wurde von den Lehrern gefordert, die zusehen mußten, wie sie für ihre Familien Nahrung und Brennstoff besorgten. Schließlich wurde der Unterricht so verteilt: die Oberstufe hatte nur nachmittags Unterricht, und zwar in der Oberschule für Mädchen, die Mittelstufe vormittags in der Cäcilienschule, die Unterstufe ebenfalls, aber nur ein über den anderen Tag. Für diese Klasse verteilte sich der Wochenplan über drei Wochen. Die Sexta begann, wie die vorherige Oberschule, wieder mit Englisch. Aber auf die Forderung der Militärregierung hin wurde in allen Klassen, selbst in der Prima, auf Französisch umgestellt. Von OIII ab wurde nach Wahl der Schüler ein gymnasialer Zweig mit Griechisch und ein realer wiederum mit Englisch eingerichtet. In den folgenden Jahren begannen die Sexten mit Latein und Französisch zugleich.

Im ersten Schuljahr kamen auch die Schüler an die Schule zurück, die ein "Notabitur" oder nur den Vorsemestervermerk auf den Zeugnissen hatten. Sie traten in die Klassen ein, aus denen sie vorher entlassen worden waren, und versuchten, wenn auch unter erschwerten Bedingungen, ein ordentliches Abitur zu machen. Daß es ihnen nicht geschenkt wurde, zeigt die Tatsache, daß 1947 18 von diesen Schülern zum Abitur zugelassen, 6 jedoch in die Unterprima zurückversetzt wurden.

Am 23. Februar 1946 räumte die französische Einheit das Gebäude. Die Sammlungen waren erbrochen und ausgeplündert, das Archiv teilweise zerstreut, die Bibliothek war glimpflich davongekommen. Nach den notwendigen Aufräumungsarbeiten konnte die Schule bezogen werden. Auch das Landesstudienseminar wurde ihr angeschlossen und blieb an der Anstalt bis Juni 1947. Um den auswärtigen Schülern das Leben zu erleichtern, richtete das Missionshaus auf Bitten des Direktors ein Schülerheim ein, das  am  1. September 1953 durch ein solches in der "Urweilermühle" ersetzt wurde. Es war für die damaligen Verhältnisse sehr gut hergerichtet und wurde unter dem damals die Anstalt leitenden Oberstudiendirektor Karl Palz eingeweiht. Prof. Dr. Schindler war nämlich am 7. Mai 1952 plötzlich nach langem Herzleiden verschieden. Sein Begräbnis gestaltete sich zu einer ergreifenden Feier der Anerkennung und tiefen Verbundenheit vieler Mensche im Lande mit ihm. 

Während dieser ersten Jahre einer Erziehung im neuen Geiste hatte die Schülerschaft - wie aus den Abiturzeugnissen zu ersehen ist - gute und sehr gute Ergebnisse erzielt. Am deutlichsten zeigt dies das Jahr 1950, in dem 3 Kandidaten der Schule die Prüfung mit "sehr gut" bestanden; im Jahre 1947 war es überhaupt nur einer im Lande, im Jahre 1948 waren es im ganzen 4. Die Form des Zentralabiturs nach dem französischen Modell war 1947 eingeführt worden. Sie blieb bis 1951 bestehen. Immer wieder forderten Schreiben der Regierung dazu auf, die Aufregung der Schüler vor dem Abitur zu bekämpfen, bis dieses psychologische Motiv zur Beseitigung dieses Prüfungmodus führte. Seitdem findet das Abitur an der Anstalt statt. Die Aufgabenstellung bleibt aber zentral, die Korrektur ist doppelt und anonym. Die mündliche Prüfung wird durch eine Kombination von Fachlehrern und einer fremden Prüfungskommission durchgeführt.

In das Jahr 1949 fiel die 125-Jahrfeier des Gründungstages der Schule. Im Vergleich zur Feier von 1924 war sie bescheiden. Das Kultusministerium war nicht einmal vertreten, umso zahlreicher die Behörden und Kirchen, das Hohe Kommissariat und die Schulen der Stadt. Was war der Grund dafür? Die Mittel des Kultusministeriums trafen erst ein, nachdem die Feier im Raum der Aula bereits gehalten war.

Im Unterricht dieser Jahre spielte in den deutschkundlichen Fächern der Europagedanke eine besondere Rolle. Im Jahre 1955 schrieb der damalige Unterprimaner Wilfried Schuth im internationalen Aufsatzwettbewerb den besten Aufsatz der Schule und gewann unter 800 Schülern aus 8 europäischen Ländern die Goldmedaille des Europarates. Den 1. Preis des Saarlandes hatte in einem solchen Wettbewerb im Jahr zuvor der damalige Oberprimaner Alfred Kuhn gewonnen. 

In diesem Zusammenhang muß noch etwas anderes erwähnt werden. Den Europagedanken vertraten wohl alle Lehrer der Schule damals, auch die Kollegen, die die offizielle Propaganda mit diesem Gedanken zur politischen Verewigung des damaligen Status unserer Heimat nicht billigten, an ihrer Spitze der schon verstorbene Prof. Dr. Schindler. Drei von ihnen beließen es allerdings nicht bei der stillen Mißbilligung, sondern setzten sich in der Arbeit im Untergrund zur Rückführung der Saar nach Deutschland ein, und schließlich traten sie - als die Parteien zugelassen waren - beim Abstimmungskampf 1955 ins vorderste Glied.  Die Sympathie des Kollegiums zeigte sich deutlich, als zwei in persönliche Gefahr zu geraten schienen.

Noch ein besonderes Ereignis kennzeichnete das folgende Schuljahr. Am 6. Oktober fand die erste Wiedersehensfeier der "Vereinigung ehemaliger Abiturienten und Schüler des Gymnasiums St.Wendel" statt. Etwa 250 Ehemalige waren anwesend, vor allem solche der älteren Jahrgänge. Der Initiator dieses Treffens war Studienrat Dr. Walter Kirsch. 

Am 30. April 1957 trat O.-Stud.-Dir. Palz in den Ruhestand. Während der Vakanz bis Ostern 1958 nahm Oberstudienrat E. Scholl die Geschäfte wahr, bis der am 1. 2. 1958 zum Oberstudiendirektor ernannte Oberstudienrat Peter Gärtner aus Merzig die Leitung übernahm. Im Jahr vorher, am 28. Februar 1957, war die große Belastung der Schüler der Eingangsklassen mit zwei Sprachen - Latein und Französisch - beseitigt worden. Der alt- und neusprachliche Zug begann in der Sexta mit Latein, in Quarta mit Französisch. Im Jahre 1958 sind innerhalb von fünf Tagen vier auffallende Ereignisse zu vermerken: Am 1. Oktober feierte in unserer Aula - seit 1928 der Festsaal in St. Wendel - die Stadt ihr 625jähriges Bestehen. Ferner wurde gleichzeitig die Volkshochschule gegründet. Am 4. Oktober war in aller Schüler Munde der Start des Sputnik 1, und am 5. war das zweite Treffen der ehemaligen Schüler, auf dem auch der ehemalige Abiturient, spätere Assessor an der Schule und damalige Kultusminister Dr. Röder eine Ansprache hielt.

 Das Eintreten Direktor Gärtners brachte für die Schule neue Anregungen. In einer Reihe von Konferenzen wurde über den Bildungswert der Fächer diskutiert, vor allem den der Fremdsprachen. Aber die Last der schulischen Arbeiten brachte die Sache zum Erliegen. Die Behandlung dieser Fragen war im Grunde die Fortsetzung der Antrittsrede des Direktors in der Aula über die "Gefahren der Allgemeinbildung und ihre Überwindung".

Nicht nur die wissenschaftliche, sondern auch die musische Welt ist an der Schule daheim. Sie ist Gegenstand einer Arbeit der Fachleute. Es muß jedoch in der Geschichte der Schule festgehalten werden, daß im Jahre 1960 auf Initiative  von  Dr. Kirsch unter der Ministerpräsidentschaft      Dr. Röders ein Wunsch des inzwischen pensionierten Musiklehrers Frantz in Erfüllung ging: Es wurde eine neue Orgel in die Aula eingebaut. Sie sollte ein tönendes Mahnmal für die in den beiden Weltkriegen gefallenen Lehrer und Schüler sein. Sie hat 18 Register nach dem Vorbild einer Barockorgel aus der Mitte des 18. Jahrhunderts.

Sie hat seitdem unzähligemale geistigen Genuß bereitet unter den Händen der Musiklehrer und Schüler, auch der Meisterschüler aus der Schule.

Da die Schule eine von jenen Anstalten war, die zur pädagogischen Ausbildung der Referendare im ersten Ausbildungsjahr bestimmt wurden, häuften sich seit 1962 die Zugänge junger Kollegen. Sie brachten schöpferische Unruhe und neue Anregungen wissenschaftlicher und pädagogischer Art für die Kollegen, die als Mentoren mit ihnen befaßt und für sie verantwortlich waren. Es waren im Laufe der Jahre 68.

Die Schule zählte damals 1 Oberstudiendirektor, 2 Oberstudienräte, 22 Studienräte, 8 Assessoren, die Referendare des Anstaltsseminars und 660 Schüler in 23 Klassen. 1964 standen die Oberstufenschüler vor einem besonderen Problem. Sie mußten sich aufgrund der Saarbrücker Rahmenvereinbarung (Oberstufenreform) auf Kernpflichtfächer, verbindliche Unterrichtsfächer, Wahlpflichtfächer und freiwillige Unterrichtsveranstaltungen festlegen. Den Schülern wurde an dieser Schule die Möglichkeit geboten, an freiwilligen Unterrichtsveranstaltungen teilzunehmen. Da dieser Unterricht vielfach mit dem Wahlpflichtfach gekoppelt war, mußte an die Schüler die selbe Anforderung gestellt werden. Deshalb sah das Kollegium sich veranlaßt, den Schülern Noten zu geben für ihre Leistungen, wie sie den Teilnehmern am Unterricht im Wahlpflichtfach gegeben wurden. Es gab aber um diese Regelung bei der Reifeprüfung oft Auseinandersetzungen mit dem Prüfungskommissar. Seit nach Einführung des numerus clausus die Teilnahme an freiwilligen Unterrichtsveranstaltungen keinen Notenniederschlag mehr findet, geht das Interesse an ihnen verständlicherweise zurück.

Die Oberstufenreform wurde zunächst von den Schülern begeistert begrüßt; sie glaubten nämlich, sie erleichtere ihnen das schulische Leben. Schon bald trat eine Ernüchterung ein, als sie feststellten, daß sie beim Studium nicht mehr die frühere Bewegungsfreiheit hatten. Überhaupt führte die Regelung nicht zu dem beabsichtigten Ergebnis, weil die Schüler in den Freistunden keine Räume und keine Bibliotheken zur Verfügung hatten, mit deren Hilfe sie ihre Kenntnisse in den gewählten Fächern hätten vertiefen können: dies aber war als das eigentliche Ziel der "Saarbrücker Rahmenvereinbarung" angesehen worden.

Das Jahr 1965 brachte für die angehenden Sextaner wiederum eine Änderung. Die Aufnahmeprüfung wurde an den Volksschulen durchgeführt, auf deren Empfehlung hin die Schüler an den weiterführenden Schulen aufgenommen wurden. Nur nichtempfohlene Schüler mußten sich künftig einer Aufnahmeprüfung unterziehen. Die Schülerfrequenz lag am 16. 3. 1965 bei 763.

Im Zuge der Vereinheitlichung des Schulwesens in der Bundesrepublik wurden für 1966/67 zwei Kurzschuljahre angeordnet: 1. Kurzschuljahr vom 1. 4. bis 30. 11. 1966, 2. Kurzschuljahr vom 1. 12. 1966 bis Juli 1967. Diese Verkürzung brachte natürlich eine Änderung der Lehrpläne und eine Intensivierung des Unterrichts mit sich.

Im Jahre 1968 beendete Oberstudienrat Peter Gärtner seine Dienstzeit. Mit der Leitung der Schule wurde Herr Dr. Horst Hubig beauftragt. Damals trat der Elternbeirat an den Direktor heran mit der Bitte, eine der künftigen Sexten mit Französisch als erster Fremdsprache beginnen zu lassen, statt mit Latein. Für das Schuljahr 1968/69 war dies nicht mehr möglich, für das Schuljahr 1969/70 wurde die Einrichtung einer Sexta nach der Regelform des neusprachlichen Gymnasiums bei entsprechender Klassenfrequenz vom Ministerium zugesagt. Die Schule billigte diese Regelung, allerdings nur um der Durchlässigkeit zur Realschule willen, betonte aber die Notwendigkeit ihrer Forderung, den Griechischunterricht nicht zu gefährden, was nur möglich wäre, wenn mindestens zwei Sexten mit Latein bestehen blieben. 

Am 17. 4. 1969 verfügte das Ministerium, daß im folgenden Schuljahr an den beiden St. Wendeler Gymnasien sowohl Mädchen wie Jungen entweder in Latein, Französisch oder Englisch als erster Fremdsprache unterrichtet werden sollten. Das Ministerium ging von der Annahme aus, daß die Anmeldungen ausreichten für mindestens 5 Sexten. Die Erziehungsberechtigten sollten die Sprache bestimmen können. Sie mußten aber eine Ausweichmöglichkeit für die Einweisung der Sextaner oder Sextanerinnen geben für den Fall organisatorischer Schwierigkeiten bei der Errichtung der Sexten. Dieses Prinzip führte an beiden Schulen zu verstärkter Koedukation.

Am 25. 2. 1970 entschied das Kultusministerium nach Aussprachen der beiden Kollegien untereinander, daß die Leiter der beiden Gymnasien gemeinsam über die neu zu errichtenden Klassen 5 und deren Sprachenfolge befinden sollten unter Berücksichtigung der Wünsche der Erziehungsberechtigten. An dieser Schule wurden 3 Sexten mit 120 Schülern und Schülerinnen eröffnet, so daß der Direktor bei der zunehmenden Koedukation zusehen mußte, daß mehr weibliche Lehrkräfte an die Schule kämen. 

Nach dem Willen des Elternbeirats der Schule sollte bei nicht eindeutigen Zahlenverhältnissen Latein den Vorrang vor Französisch haben. Das hatte seinen Grund darin, daß die Leitung der Schule unter allen Umständen das Ausbleichen der Griechischklassen bei zu schmaler humanistischer Basis in Sexta verhindern wollte, zumal an diesem Zweig unbedingt festgehalten werden sollte. Die tiefere Ursache dieser Vorgänge waren die neuen bildungspolitischen Tendenzen, die dem humanistischen Gymnasium gar nicht hold waren.

Die Tendenz zu ASDF ASDF den neueren Sprachen brachte noch eine andere Schwierigkeit dadurch, daß aufgrund neuer Stundentafeln diejenigen, die Griechisch wählten, nach Oll zwangsläufig Französisch verloren. Deshalb wünschte der Direktor, daß die Kollegen von den altsprachlichen Fächern damit einverstanden sein sollten, daß die Stundenzahl für Latein von Olll - Oll gesenkt würde, um das Französische im humanistischen Zweig aufzustocken und diesen Schülern eine moderne Fremdsprache fast ebenbürtig mit dem neusprachlichen Zweig anzubieten.

Angesichts der Tatsache, daß das Kollegium in den letzten 10 Jahren sich zunehmend in der Altersstruktur einseitig auf die älteren Jahrgänge hin entwickelt hat, die in den gegenwärtigen Jahren die Altersgrenze erreichen, ist es die Sorge des Direktors, jüngeren Nachwuchs in größerer Anzahl zu bekommen, um die kommenden Lücken auszufüllen, zumal im Schuljahr 1975/76 an den beiden St. Wendeler Gymnasien die "Reformierte Oberstufe" eingeführt werden soll.

Wie dann die Struktur der Schule sich gründlich wandeln wird, so hat sich im Jahre 1974 anläßlich des Jubiläums ihr äußeres Gesicht gewandelt. Die Schule hat mit erheblichem finanziellem Aufwand der Regierung einen neuen Anstrich bekommen, in dessen warmem Ton sie fast wieder genauso majestätisch breit gelagert über der Stadt im Osten ruht wie früher, nachdem das Gebäude allem Widerspruch des Kollegiums zum Trotz im Jahre 1959 einen kalten, grauweisen Anstrich bekommen hatte. Die Aula ist wieder ein schöner Festsaal geworden, der die Gäste der 150-Jahrfeier aufnehmen soll. Sie dient aber zugleich einem alltäglichen schulischen Zweck: Sie ist die zweite Turnhalle.

Dem Betrachter der Geschichte der Schule zeigt sich, daß Geschichte vielfältiger Wandel ist, einmal zum Guten, einmal zum Schlechten. Und so wird es wohl auch bleiben.

 

9. Exkursionen

Die bisherige Darstellung enthält ein Element nicht, das Pädagogen immer als wesentlich für die Bildung angesehen haben: die Ausflüge und Exkursionen. Natürlich hielten sie sich hinsichtlich der Entfernung in früheren Zeiten in bescheidenen Grenzen aufgrund der damaligen Verkehrsverhältnisse. Für die Zeit vor dem 2. Weltkrieg kann gesagt werden, daß die Ausflüge für die Ol meistens nach Mainz - Wiesbaden - Frankfurt - Saalburg führten, für die Ul nach Trier. Das lag an den Gegenständen, vor denen den humanistischen Klassen die Welt der Antike veranschaulicht werden sollte, oder weil dort die nächstgelegenen großen Museen waren. Bei veränderten Möglichkeiten angesichts neuer Verkehrsmittel dauerten nach dem Kriege die Fahrten länger und sie führten die Schüler weiter. Die alten Ziele wurden nicht vergessen, aber neue wurden verfolgt. So führten einige Fahrten nach Mainfranken: von Worms über Lorsch, Amorbach den  Main aufwärts bis nach Banz-Vierzehnheiligen, andere nach Südwestdeutschland an den Bodensee und nach Bayern, wieder andere an die Nordsee bis nach Dänemark. Es gingen auch Fahrten ins Ausland, nach Paris, an die Loire, in die Bretagne und schließlich nach Rom und Griechenland (1970). Einen in erster Linie staatsbürgerlichen Zweck hatten die Fahrten nach Berlin, einen mehr heimatkundlichen die Fahrten der OI durch das Saarland, meistens mit der OI der Mädchenschule zusammen unternommen unter Führung von Direktor Gärtner. Teilweise waren sie in die Ferien verlegt. Die Führung übernahmen sowohl Kunsthistoriker wie Geographen wie die Klassenlehrer. Die Bildungsgesichtspunkte waren verschiedener Art, natürlich mußte auch der Fröhlichkeit der gebührende Raum gelassen werden.

 

 Johann Gessner unter Mithilfe von Heinrich Hartmann

Quellenangaben:

     

  1. Geschichte der Schulen der Stadt St. Wendel 1824 - 1924, Festschrift zur Feier des 100jährigen Bestehens des Gymnasiums St. Wendel 1924
  2.  

  3. Berichte über die Schuljahre 1930-1933, Dr. Franz Arens
  4.  

  5. Bericht über die Schuljahre 1945-1949, Prof. Dr. Peter Schindler
  6.  

  7. Bericht über die Schuljahre 1949-1953, O.-St.-Dir. Karl Palz
  8.  

  9. Bericht über die Schuljahre 1953-1960, O.-St.-Dir. Peter Gärtner
  10.  

  11. Die Chronik der Schule von 1953-1965
  12.  

  13. Geschichte der Stadt St. Wendel von Max  Müller
  14.  

  15. Die Akten der Schule von 1935-1940 von 1942-1944. (Die Akten sind unvollstandig) von 1945-1974
  16.  

  17. Mündliche Mitteilungen von den Herren Dr. August Becker, Alois Schmitt und Adolf Schmia

Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
27
28
29
30
01
02
03
04
05
06
07
08
09
10
11
12
13
14
15
16
17
18
19
20
21
22
23
24
25
26
27
28
29
30
01
AKTUELLE TERMINE
  • 29.09.17. :
    Letzter Schultag vor Herbstferien: Unterricht nach Plan bis zur 8. Stunde, kein Ordinariat
  • 29.09.17. :
    letzter Termin vorläufige Meldung zur Ergänzungsprüfung zum Erwerb des Latinums am Ende der Einführungsphase bei Latein als 3. Fremdsprache
  • 29.09.17. :
    1.-8- Stunde Klassenstufen 11/12: Berufsinformationsmesse, Wendalinum, 2017

September Oktober November Dezember